Jetzt ist schon so viel Zeit vergangen, seitdem ich von zu Hause weggelaufen bin, manchmal kommt es mir wie eine Ewigkeit vor. Es gibt aber auch Momente, da scheint alles, was passiert ist, plötzlich so nah zu sein, als ob es erst vor einem Monat geschehen ist. Ich glaube, ich bin in einer Phase, in der ich mich sicher fühle, gerade hier neigt man dazu, über das Geschehene nachzudenken. Eigentlich habe ich immer versucht, Schlimmes zu verdrängen.

Nachdem ich weggelaufen war, habe ich diese Verdrängungsmethode wieder angewendet. Ich habe einfach versucht, alles weg zu schieben, nichts an mich herankommen zu lassen, ich wollte vergessen, nach vorne gucken, wieder frei ausatmen, so schnell wie möglich wieder glücklich sein.

Ich weiß, dass es das einzig Richtige war, von zu Hause wegzugehen, mich von meinem alten Leben zu verabschieden, mein eigenes Leben anzustreben und nicht mehr Marionette zu spielen. Trotzdem vermisse ich mein zu Hause, schließlich habe ich dort fast mein ganzes bisheriges Leben verbracht. Ich vermisse vieles, aber vor allem meine Familie. Es ist doch irgendwie komisch, damals habe ich sie gehasst, weil sie mich nicht so akzeptieren wollten, wie ich sein wollte und ich gezwungen wurde, wegzulaufen.

Von mir aus hätte es doch auch so laufen können, dass meine Familie ein bisschen freier denkt. Ich hätte mir gewünscht, dass man mich verstanden hätte. Natürlich wären sie nicht begeistert gewesen von der Information, dass ich einen deutschen Freund habe, aber man hätte das doch so regeln können, dass alle ein bisschen zufrieden wären.

Aber so ist es nicht gelaufen und deswegen habe ich die Familie gehasst, aber jetzt denke ich immer wieder darüber nach und ich persönlich habe ihnen verziehen. Ich glaube, das ist erstmal der erste Schritt zur Besserung. Zu Anfang hatte ich nur Hass auf meine Familie, ich habe sie zwar vermisst, aber trotzdem fand ich, dass sie mich hätten besser behandeln können, aber das haben sie nicht...aber inzwischen bin ich distanziert genug, um ihnen verzeihen zu können.

Ich bin glücklich, ich habe ein selbst bestimmtes Leben, ich bin unabhängig, auch finanziell. Diese Unabhängigkeit gefällt mir, aber sie ist mir noch neu, manchmal verwirrt sie mich, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Es ist alles noch so neu, all die Sachen, die man erlebt, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne zu denken, wenn ich das machen würde, würde ich ganz schön viel Ärger bekommen. Einfach ohne die strenge Familie. Manchmal realisiere ich das erst, dass ich dieses und jenes machen darf, solange ich das möchte, denn ich bin diejenige, die das entscheidet und wenn ich das möchte, dann darf ich das auch.

Aber es gibt nicht nur die glückliche Seite, ich bin auch manchmal traurig, vielleicht, weil ich verwirrt bin, aber vielleicht auch einfach, weil ich Heimweh habe. Ich war noch niemals SO lange weg, nicht mal annähernd so lange, nicht mal ansatzweise so lange weg von zu Hause oder von meinen Familienmitgliedern.

Aber was würde passieren, wenn ich zurückgehe? Kann ich denn sicher sein, dass sie mich zurückhaben wollen? Kann ich überhaupt sicher sein, dass ich sicher bin? Kann ich nicht! Woher soll ich das denn wissen? Theoretisch könnten sie alles Mögliche denken. Sie könnten sich wünschen, dass ich zurückkomme, sie könnten sich aber auch wünschen, endlich Rache zu nehmen.

Ich hätte auch Angst, wieder zurückzugehen, es ist einfach zu gefährlich! Es ist schwierig zu beschreiben; ich weiß, dass es richtig war, wegzulaufen, meine unvernünftige Seite würde aber gerne anderer Meinung sein, macht mir ein schlechtes Gewissen. Dabei kann ich doch gar nichts dafür, dass ich hier in Deutschland aufgewachsen bin. Hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich mir auch gewünscht, nicht zwiespältig gelebt haben zu müssen, mich irgendwie mit irgendwas identifizieren zu können, aber mit was? Mit Deutschland? Aber ich komme doch gar nicht aus Deutschland, wie soll ich mich da mit Deutschland identifizieren...Mit Albanien? Aber ich lebe doch gar nicht dort, warum sollte ich mich mit diesem, mir fremden Land, identifizieren?

Mit meiner Kultur? Aber die habe ich mir doch gar nicht ausgesucht, eigentlich mag ich sie auch gar nicht. Mit der deutschen Kultur? Aber das darf ich doch nicht! Sie steht entgegengesetzt zu der Kultur meiner Familie. Und so verlief es mein ganzes Leben. Ich muss sagen, dass es mir nicht explizit bewusst war, diese zwei zu Leben führen, aber ich habe mich oft ausgegrenzt gefühlt, sowohl in meiner Familie, als auch unter meinen Freunden in Deutschland. Vielleicht konnte ich es damals nicht gut genug definieren und dachte einfach, ich sei anormal...vielleicht...

Aber wie fühle ich mich insgesamt?

Aus der Ferne betrachtet verlief mehr oder weniger meine Flucht und mein eigenes Leben gut. Es gab oft Schwierigkeiten, aber ich war nie alleine mit meinen Problemen, mein Freund hat mich stets beraten, seine Eltern haben uns immer so gut unterstützt und tun es immer noch. Und ich konnte mich immer an Terre des Femmes wenden, wann immer ich Probleme hatte.

Ich bin mit meinem Freund zusammengezogen und wie gesagt, langsam aber sicher kehrt wieder Alltag in mein Leben. Ich habe Aufgaben, ich habe ein normales Leben und ich bin unabhängig. Mir geht es gut, manchmal bin ich gestresst, aber wer ist das nicht?! Aber ich merke, dass ich doch noch Zeit brauche, all das Erlebte zu verarbeiten...